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Der Mann aus Meuselwitz

Blad: Universiteit Utrecht
Datum: 2008-12-01
Beeld: Tijs van den Boomen

Siehe auch: Universitätsbibliothek Utrecht Masterarbeit Pauline de Bok (full Text pdf)

Vorwort

E i n e   z w e i t e   S t i m m e

Gerne entsinne ich mich eines Satzes des niederländischen Dichters Tonnus Oosterhoff in seiner Besprechung einer Dissertation über den Weißraum in der Poesie. Die Besprechung heißt: ›Was da steht, wenn da nichts steht. Yra van Dijks Studie über das Weiße in der Poesie singt eine reine zweite Stimme‹ Und der Satz lautet:

      ›Muss sekundäre, interpretierende Literatur harte Wissenschaft sein? Wäre das Genre nicht eher mit dem Singen einer zweiten Stimme zu vergleichen? Die Hauptmelodie, die des Kunstwerks, wird von einer zweiten umspielt und bekommt dadurch Perspektive und Tiefe. Der schreibende Leser soll präzise sein, aber es ist eher die Reinheit des mehrstimmigen Gesangs, die er sucht, als die unpersönliche und umgebungsimmanente Genauigkeit der Wissenschaft.‹ [i]

 

Mir ging das Herz auf, als ich dies las: so zu übersetzen und Betrachtungen zu schreiben, sich in diesem Sinne dem Werk Wolfgang Hilbigs anzunähern, es zu umspielen, das habe ich als Ideal vor Augen. Die Schlussarbeit des Masters Übersetzen bildete dazu ein ausgezeichneter Anreiz, da sie sich nicht unbedingt auf eine einzige Art von Text beschränkt. Im Gegenteil: Sie gab mir die Gelegenheit, über Hilbigs Leben und Werk zu schreiben, sein Werk zu übersetzen – sowohl Lyrik als auch Prosa –, Kommentare zu den Übersetzungen zu verfassen, Übersetzungen zu analysieren und zu vergleichen und über die Theorie und Praxis des Übersetzens nachzudenken.

Diese Arbeit ist vielleicht am besten als Heft zu bezeichnen. Teilweise ist sie geprägt durch meine langjährige Arbeit als Journalistin und Autorin. Die von mir bevorzugte Annäherungsweise ist eher essayistisch als empirisch-wissenschaftlich. Das hat auch mit meiner Theologie- und Philosophie-Ausbildung in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre zu tun. Allerdings wurde die mir oft zu akademisch. Ich kletterte vom Elfenbeinturm herab um die Welt und die Menschen kennenzulernen, so wie Maxim Gorki es auch dem jungen Isaak Babel geraten hatte. Vor allem Ost- und Mittel-Europa habe ich immer wieder bereist, und in der ehemaligen DDR wohne ich seit 2000 sogar für einige Monate des Jahres. Und immer wieder bin ich zur Literatur heimgekehrt.

Welt, Literatur, Sprache, Schreiben. Nach Jahren wuchs langsam die Lust auf eine neue Annäherungsweise, die sowohl handwerklich als reflexiv und vertiefend war. Und ich bin heilfroh, dass ich nach einem Bachelor Deutsche Sprache und Kultur, die Gelegenheit hatte, einen Master Übersetzen zu machen.

Erstens haben die Studien mir die Materialität der Sprache sinnlicher und intensiver bewusst gemacht. Sie haben auch meinen Spaß am Sprachhandwerk und am Nachdenken über Sprache weiter beflügelt. Die übersetzungswissenschaftliche Literatur war für mich ein Wühltisch, von dem ich mich reichlich bedient habe. Und immer wieder konnte ich zum handwerklichen Aspekt der Arbeit zurückkehren, der verhindert, dass der Übersetzer einen rasanten Aufschwung ins rein-Theoretische nimmt. Er ist an die Materialität des Ausgangstextes, wie auch immer, gebunden.

Auch habe ich gemerkt, dass Übersetzen – jedenfalls mir – das beste Werkzeug liefert, um das Werk eines Dichters, eines Schriftstellers zu verstehen. Ich empfinde es als einen Luxus, so intensiv mit einem Gedicht, mit einer Erzählung, mit einem Schriftsteller beschäftigt sein zu können, ohne durch einen literaturwissenschaftlichen Jargon davon wegzutreiben.

Und schließlich bin ich erneut in die Welt gezogen, nach Sachsen, genauer gesagt, um die Landschaft von Hilbigs Jugend zu sehen, seine Heimatstadt, aus der seine literarische Bilderwelt herkam; ich wollte mit dem Zug von Berlin nach Leipzig fahren, nach A. (Altenburg) und mit dem Bus nach M. (Meuselwitz) und zurück. Ich war froh, als ich hörte, dass seine Mutter, Marianne Hilbig, noch lebt, und dass sie mich empfangen hat, mit einem selbstgebackenen Kuchen. Ich hatte Gelegenheit in Berlin mit seiner Tochter Constance und ihrer Mutter Margret Franzlik ein Interview zu führen, und in Leipzig mit Hilbigs Biografin Karen Lohse. Das Wissen, die Geschichten und Erfahrungen von Hubert Witt, Hilbigs damaligem Lektor bei Reclam Leipzig – selbst ein renommierter Übersetzer aus dem Jiddischen und Altdeutschen –, und von Uwe Kolbe, Hilbigs Landesmann und Dichter-Freund, habe ich mir anverwandelt.

Die Streifzüge und Gespräche haben ihren Niederschlag gefunden in diesem Heft. Und ich bin mir sicher, dass sie auch in meinen Hilbig-Übersetzungen irgendwie mitschwingen.

Dieses Hilbig-Heft, meine Masterarbeit, ist eine Vorstufe des professionellen Übersetzens. Das Studium hat mir die Gelegenheit und die Zeit gegeben, die Übersetzung von Hilbigs Werk einzubetten und langsam, probeweise und reflektierend zu arbeiten. Das Heft ist das Ergebnis dieser Annäherung.

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